Freitag, 14. April 2006

Distanz

Vor kurzem lasen wir im Philo-Unterricht einen Text von Karl Löwith über das Thema Distanz. Löwith sagt in diesem Text, dass der entscheidende Unterschied zwischen Mensch und Tier ist, dass der Mensch in der Lage ist, sich von sich und seiner Umwelt zu distanzieren und so - im Gegensatz zum Tier - alles (sich selbst, seine Umwelt und etwas Fremdes) in Frage zu stellen. Seitdem geistert die Idee in meinem Kopf herum, dass Distanz alles leichter macht machen könnte.


Sich von sich selbst distanzieren

Wenn man wirklich in der Lage wäre sich gefühlsmäßig quasi von sich selbst zu lösen, das eigenen (Gefühls-)Leben von außen zu beobachten, zu werten und Fehler zu entdecken und auszumerzen, würde das das Leben nicht viel einfacher machen? Natürlich wäre es viel einfacher, sein eigenes Leben als unbeteiligter Zuschauer zu beobachten, aber würde einem nicht auch viel entgehen? Schließlich besteht das Leben nicht nur aus negativen Emotionen, sondern es gibt auch so manches positives Gefühl. Und wären überhaupt Gefühle vorhanden, wenn man nicht selbst hinter ihnen steht und stattdessen nur von außen zusieht? Würde somit nicht, wenn jeder Mensch sich von sich selbst distanziert, jedes letzte bisschen Emotion vollends aus der Welt verschwinden? Und ist das etwas, was erstrebenswert ist? Ich denke nicht.
Aber mal ganz unabhängig von all diesen Punkten ist es dem Menschen wohl ohnehin unmöglich sich von seinen Gefühlen zu lösen, denn sie sind doch zu einem großen Teil das was ihn auszeicht. Vermutlich wäre der Mensch ohne seine Emotionen gar nicht mehr das, was er wirklich ist, sondern nur eine leere Hülle und wäre vielleicht sogar gar nicht mehr dazu in der Lage mit anderen Menschen zu interagieren.
Somit wäre das Unterfangen sich von sich selbst zu distanzieren nicht nur egoistisch und sinnfrei, sondern auch unmöglich und damit kann man diesen Punkt wohl abhaken.


Sich von anderen Menschen distanzieren

Würde es einem aber gelingen sich nicht von sich selbst zu distanzieren, sondern nur von seiner Umwelt, von seinen Mitmenschen, dann würde das wohl einige Dinge schon erheblich erleichtern. Denn das, was für die meisten seelischen Wunden verantwortlich ist, ist immer die emotionale Verbundenheit mit anderen Menschen.
Würde man also keinen anderen Menschen an sich heranlassen und sich eine "Was-schert-mich-meine-Umwelt"-Haltung zulegen, wäre es anderen nur schwer möglich einen zu verletzen. Allerdings setzt so eine Haltung vorraus, dass einem wirklich jeder Mensch egal ist und man sich selbst nicht gestattet irgendwelche Emotionen zuzulassen. Und das würde fast schon einem "sich von sich selbst distanzieren" gleich kommen.
Eine etwas abgeschwächte Version davon ist es, sich prinzipiell von allen Menschen gefühlsmäßig abzuschotten, keine Gefühle wie Freundschaft oder gar Liebe zuzulassen, bis der jeweilige Mensch nicht bewiesen hat, dass er dieser Gefühle würdig ist. Obwohl das nicht heißt, dass man vor Täuschungen gefeit ist, aber mit der Zeit lernt man vorsichtiger zu sein und sich genau zu überlegen, wem man sein Vertrauen schenkt. Auch das heißt zwar nicht, dass man sich nicht in Menschen täuschen oder trotz aller Vorsicht verletzt werden kann, aber wenn man nicht bereit ist, dieses Risiko einzugehen, dann sollte man sich wohl doch am besten irgendwo alleine einschließen und jeglichen Kontakt zu Mitmenschen meiden.


Räumliche Distanz bzw. Distanz für eine gewisse Weile

Die vermutlich sinnvollste und praktikabelste Art der Distanz ist aber einfach mal eine Weile Abstand von allem zu nehmen. Das kann auf viele verschiedene Arten geschehen. Mal kurz eine Rauchen gehen, einmal um den Block laufen, in den Urlaub fahren oder weiß der Geier, was noch. Eben solche Dinge, die einem fernab von allem erlauben sich gedanklich mit allem auseinanderzusetzen. Das Ergebnis dieses Auseinandersetzens ist wohl in starkem Masse abhängig von der Bereitschaft des jeweiligen Menschen sich mit seinen Problemen auseinanderzusetzen, von der räumlichen, zeitlichen und geisten Entfernung der Dinge und nicht zuletzt von dem Zeitraum, den man hat, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen.



Resultat:
Sich von sich selbst distanzieren ist unmöglich und selbst wenn es möglich wäre, wäre es falsch. Sich von anderen Menschen distanzieren ist bis zu einem gewissen Grad sinnvoll, aber eben nur so lange, wie man es nicht übertreibt und jeden Kontakt meidet. Abstand von allem zu nehmen scheint die beste Distanz von allen zu sein, da sie in den meisten Fällen ein Ergebnis bringt und so gut wie immer nur für eine begrenzte Zeit genutzt wird.

HG

Dreh dich um,
dreh dich um.
Vergiß deine Schuld, dein Vakuum.
Wende den Wind, bis er dich bringt
weit zum Meer.
Du weißt, wohin.

...

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